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Thomas Döring


07.06.2020 - 19:00

Schule - Eine kritische Betrachtung

Dies ist der erste Blogeintrag in meinem Blog-Versuch, in dem ich mich mit dem Thema beschäftige, das mich seit vielen Jahren begleitet.

Da ich bisher zwar tausende Zeilen Quellcode, aber selten viel "echten" Text geschrieben habe, bitte ich um Nachsicht. Ich hoffe, dass ich im Laufe der Zeit "besser" werde. 😉

Anmerkung: In diesem Text wird der Begriff Querdenker verwendet. Als ich diesen Text schrieb, war dieser Begriff noch nicht - zumindest breit bekannt - negativ belegt. Ich verwende diesen Begriff also in seiner ursprünglichen Bedeutung, die nichts mit der inzwischen bekannten "Querdenkerbewegung" zu tun hat.

Nun zum Thema
Schule in seiner institutionalisierten - und verpflichtenden - Form gehört seit inzwischen über 150 Jahren zum deutschen Selbstverständnis. Sie wird von der überragenden Mehrheit der Deutschen als gegeben akzeptiert und kaum hinterfragt.

Schauen wir uns an, in welcher Rolle Schule heute gesehen wird.

Theorie.

Wissen und Kompetenz

Die Hauptaufgabe von Schule ist es natürlich, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln. Beides sind Voraussetzungen dafür, Herausforderungen im späteren Erwachsenenleben meistern und bestehen zu können. Der Fokus liegt hierbei auf dem beruflichen Erfolg. Eine "gute Schulbildung" und die Abschlüsse, die man während seiner Schullaufbahn erwirbt, bilden die Grundlage für die spätere Karriereleiter.

Sozialisation

Schule wird als der Ort gesehen, an dem Kinder für die Gesellschaft sozialisiert werden, in dem sie mit verschiedenen Kulturen und sozialen Schichten in Kontakt kommen und ein reger sozialer Austausch vor Allem unter Gleichaltrigen stattfindet. Diese Sozialisierung wird als essenziell für einen funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenhalt - oder wenigstens "friedliche Koexistenz" - gesehen.

Demokratieerhaltung

Die Verpflichtung für Kinder, mindestens 12 Jahre ihres Lebens eine Schule zu besuchen, wird von Vielen als Garant für die Sicherstellung unserer demokratischen Grundordnung gesehen.

Denn der staatliche Erziehungsauftrag diene nicht nur dazu, Wissen zu vermitteln. Kinder sollten sich auch frei zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln können. Sie sollten zu verantwortlichen Staatsbürgern werden, die an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhaben können.1

Praxis?

Das Problem bei all diesen Punkten ist, dass sie keinerlei tatsächlicher Überprüfung unterzogen werden, sprich ob die genannten Erwartungen an Schule einem Realitätscheck überhaupt standhalten würden. Seit Jahrzehnten werden diese Punkte von Vielen zitiert, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob Schule das leistet, was sie angeblich leistet.
Für alle, die jetzt an PISA denken: dazu komme ich weiter unten.

Versuchen wir es mal in Kurzform:

Wissen und Kompetenz

Für ein erfolgreiches Berufsleben ist zunächst einmal nicht zwingend "gute Schulbildung" von Nöten, sondern neben Wissen und Kompetenz vor allem (a) Kreativität, (b) Eigeninitiative und die (c) Fähigkeit zum Querdenken.

Während (a) Kreativität zumindest in gewissem Maße in Schule Raum finden kann - wenn Lehrer:innen es denn zulassen, dass die "Ergebnisse" vom Soll abweichen - wird es bei Punkt (b) schon schwierig.

Eigeninitiative bedeutet unter anderem, Lösungen für Probleme zu finden, die vielleicht nicht gerade auf der Tagesordnung stehen. Da Schule i.d.R. einem streng strukturierten und zeitlich getakteten Ablauf folgt, ist hierfür also nur wenig Raum. Meistens wird Eigeninitiative mit "Das ist schön, war aber nicht die Aufgabe" und einer entsprechend (nicht-)würdigenden Note gespiegelt.

Für (c) Querdenker ist in Schule so gut wie gar kein Platz. Querdenken bedeutet, Probleme auf gänzlich neue Arten zu lösen. Leider heißt Schule in vielen Fällen, dass sowohl Aufgabe als auch Lösungsweg und Ergebnis vorgegeben sind. Es geht nur noch darum, die Schüler:innen den "richtigen" Weg zu weisen. Schule konditioniert zum "Nachmachen" und "Immitieren", aber nicht zum "(Quer)Denken".

Als letzten Punkt möchte ich noch einbringen, dass überhaupt das Ziel des Ganzen - ein "erfolgreiches Berufsleben" - zumindest fragwürdig ist. Es soll Menschen geben, deren Lebenszweck nicht im Erwerb von "Geld" und "Ansehen" besteht.

Stichwort "PISA"
Auch wenn PISA-Studien das tun, was sie tun sollen, eignen sie sich eben nicht als Qualitätsmesser für unsere Schulbildung.

Überlegen wir nochmal kurz:
Schule soll auf das Erwerbs- bzw. Erwachsenenleben vorbereiten. Um dies zu messen, müssten man PISA-Studien mit Erwachsenen durchführen und schauen, was von ihrer "Schulbildung" hängengeblieben ist. Dann hätte man eine echte qualitätive Aussage über das jeweilige Schulwesen.

Studien mit - vorbereiteten - Schüler:innen durchzuführen, um die Qualität unserer Bildungseinrichtungen zu messen, ist als würde ich die Haltbarkeit eines Lebensmittels testen, indem ich eine Stunde nach dessen Herstellung schaue, ob es schon schlecht geworden ist.

Sozialisation

Frage: Wie soll an einem Ort, an dem es zu den anerkannten Regeln gehört, dass freie soziale Interaktion - nichts anderes ist das beliebte "Quatschen im Unterricht" - im Unterricht verboten ist, Sozialisation stattfinden?

Machen wir uns noch einmal bewusst, wie so ein Schultag abläuft:
Schüler:innen verbringen etwa 40 bis 60% ihres "wachen" Tages im Unterricht, der von wenigen Pausen zwischen 5 und 20 Minuten unterbrochen ist. Im Unterricht ist i.d.R. jeglicher freier Austausch zwischen den Schüler:innen nicht gestattet. Wenn es denn doch gestattet ist, dann lediglich unter Aufsicht und durch die Lehrkraft "moderiert". Im Unterricht liegt der Fokus vor Allem in der Interaktion zwischen Schüler:in und Lehrer:in und eben nicht zwischen den Schüler:innen untereinander!

Auch die Pausen finden unter Aufsicht statt und lassen demnach keine "wirkliche" soziale Interaktion zu (Stellen Sie sich einfach die Frage, wie gut sie mit ihren Freunden "sozial interagieren" könnten, wenn immer ihr Chef daneben stehen würde).

Eine erfolgreiche Sozialisation ohne erlaubte intensive soziale Interaktion zwischen eben den oben genannten Gleichaltrigen halte ich für eine anspruchsvolle Herausforderung.

Demokratieerhaltung

Es ist schon höchst abenteuerlich, dass die "freie" Entwickung zu "verantwortlichen Staatsbürgern" und "eigenständigen Persönlichkeiten" ausgerechnet an dem Ort gelingen soll, der selbst nach einstimmiger Meinung von Rechtsgelehrten so stark in das Selbstbestimmungsrecht von Kindern eingreift, wie kaum kein anderer Rechtsbereich.

Mit Ausnahme des Strafvollzugs [Anm. !!!] gibt es wohl keinen anderen Bereich, in dem der Staat vergleichbar intensiv und ähnlich lange in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen eingreift wie im Schulwesen2

Wie sollen Kinder lernen, dass sie für ihr eigenes Leben und ihr eigenes Glück verantwortlich sind, wenn Ihnen spätestens ab dem Alter von 6 Jahren "beigebracht" wird, dass das Einzige, was für ihren Erfolg (Stichwort: Schulnoten) von Relevanz ist, die Gehorsamkeit gegenüber Autoritätspersonen ist?

Die Fixierung auf diese Gehorsamkeit gegenüber Autoritätspersonen halte ich gerade mit Blick auf die Demokratieerhaltung für sehr gefährlich. Eine Wählerschaft, die nahezu ihre gesamte Kindheit damit verbringt, Anweisungen zu befolgen und für Nichtbefolgen oder Fehlentscheidungen bestraft oder sanktioniert zu werden, halte ich für ungeeignet, verantwortungsbewusste Entscheidungen bei Wahlen zu treffen.

Eine stabile Demokratie bedeutet, dass diese auch in Krisenzeiten nicht sofort infrage gestellt wird. Die letzten Verwerfungen durch die "Flüchtlingskrise" oder die "Corona-Pandemie" zeigen, dass ein nicht unerheblicher Teil unserer Bevölkerung dieses Bildungsziel offensichtlich verfehlt hat.

Fazit

In meinen Augen spielt Schule im Leben eines Kindes eine wichtige Rolle. Oder formulieren wir es anders: Schule könnte im Leben eines Kindes eine gewichtige Rolle spielen, wenn Sie denn die Rahmenbedingungen für die von ihr zu erreichenden Ziele bieten würde. Leider sind wir davon zumindest in Deutschland weit entfernt.

Hierzulande bestimmt vor allem das klassich preußische Bild von Schule den Schulalltag von Kindern und konterkariert damit die eigentlichen - sinnvollen - Ziele von Schule: Militärisch durchorganisiert und wenig Raum für Individualität.

Dies wiederum bietet den idealen Nährboden für Beeinflussbarkeit und Unzufriedenheit, denn schon als Kind lernen wir, uns als Opfer von Authoritäten zu fühlen.


1 Kurzdarstellung zum Zusammenhang von Schulpflicht und Homeschooling in Deutschland, Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestags

2 Vgl. Rux, Johannes, "Schulrecht", 6. Auflage, S. 39, Rn. 138


Titelfoto von Feliphe Schiarolli